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Armutsproblem

"Please, Mister!"

Traveller und Touristen werden unterwegs oft mit krassem Elend konfrontiert. Wie können Sie als verantwortungsbewusste Reisende auf die Not sinnvoll reagieren?

"Wir Schweizer sind uns den Anblick von offener Armut nicht gewohnt," glaubt Marianne Frei, Bildungs- und Öffentlichkeitsbeauftragte beim Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung in Basel: "Die Begegnung mit Bettlern löst bei uns meistens ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit aus." Tatsächlich, wessen Herz liesse sich beim Anblick von Kindern in zerlumpten Kleidern oder von Schwerstbehinderten nicht erweichen?
"Die Leute werden regelrecht zu Spendenempfängern erzogen," ärgert sich ein Entwicklungshelfer, der in Mittelamerika und in Osteuropa tätig war. Er weiss, dass die von den Besuchern zwar gut gemeinten Geld- und Sachspenden bei den Einheimischen oft eine verheerende Wirkung haben können, insbesondere wenn sie undifferenziert an die Bevölkerung ausgeteilt werden, denn bei Hilfsaktionen durch Laien profitieren nicht selten vor allem die Raffinierten und die Dreisten.

Neid durch Spenden
Weil in manchen Fremdenverkehrsregionen die aufgehaltene Hand wesentlich mehr Ertrag als ein Kleingewerbe bringt, schicken Eltern ihre Kinder des Mitleideffekts wegen vor die Hotels statt in die Schule. "Es ist den Armen nicht zu verdenken, dass sie auf ihre Weise am Tourismusgeschäft teilhaben wollen," meint Marianne Frei. In einzelnen Fällen müssen Halbwüchsige durch ihre Betteleinkünfte ganze Familien durchbringen oder durch ihre Einnahmen die Behandlung von kranken Angehörigen sicherstellen.
Fachleute befürchten gar, die Wohltätigkeit der Touristen könnte bewirken, dass sich die Einheimischen nicht mehr genügend um eine selbstgeschaffene Lebensgrundlage kümmern. Der Verlust von Würde und Selbstwertgefühl sowie die Ausbreitung von Neid und Missgunst können weitere Folgen von unbedachten Spenden sein. In einzelnen Reiseregionen haben siech sogar straff organisierte Bettlerbanden gebildet deren Kapos den Kindern und Jugendlichen die Einnahmen mit brutaler Gewalt abknöpfen.

Idealer Nährboden für Gewalttätigkeit
Fritz Brugger, Leiter Inland und Kommunikation bei der Entwicklungsorganisation Helvetas gibt zu bedenken, dass die Anwesenheit weisser Touristen in verschiedenen Regionen mit krassen sozialen Gegensätzen auf die Einheimischen grundsätzlich provozierend wirkt: "Das Problem ist nicht einfach dadurch gelöst, dass man die angemessene Form des Spendens findet."
Brugger ist überzeugt, dass extreme Einkommensunterschiede ein idealer Nährboden für fundamentalistische Organisationen sind. Seiner Meinung nach müssten die Reiseanbieter selbst daran interessiert sein, dass der klaffende wirtschaftliche Graben zwischen Nord und Süd endlich abgebaut wird. Er fürchtet, die Präsenz von Hilfswerken und Entwicklungsorganisationen könnten von den westlichen Reisemultis gar als Alibi missbraucht werden, um sich nicht selbst um soziale und ökologische Verbesserungen kümmern zu müssen.

Hilfe zur Selbsthilfe
Kann man als Individualtourist denn überhaupt etwas gegen die soziale Misere in den Drittweltländern tun? "Der wichtigste Schritt ist, dass man sich mittels Reisehandbüchern über die Lebenssituation der Einheimischen informiert," rät Christine Plüss, Geschäftsführerin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung.
"Kindern sollte man mit Respekt begegnen - auch wenn sie einem mit ihrer Bettelei auf die Nerven gehen," empfiehlt die erfahrene Expertin.
Grundsätzlich ist es besser, Kinder für eine kleine Dienstleistung wie beispielsweise Gepäcktragen oder Botengänge zu honorieren, als ihnen einfach so Geldbeträge zuzustecken. Wer Bedürftige zu Essen einlädt, verhindert ausserdem, dass das Geld in den Taschen von skrupellosen Drogendealern und Bandenbossen verschwindet. Die ehemalige Reiseleiterin Plüss empfiehlt ausserdem, in den einzelnen Aufenthaltsorten nachzufragen, ob Gesundheits- oder Sozialprojekte existieren, die man durch Geld- oder Sachspenden oder auch durch konkrete Mitarbeit unterstützen kann. "Man kann sich auch vor oder nach der Reise informieren, ob anerkannte Hilfswerke in bestimmten Regionen im Einsatz sind und ihnen von zu Hause aus eine Spende zukommen lassen."
Im Gegensatz zu Einzelgaben an Strassenbettler haben Zuwendungen an Sozialprojekte oft eine effektivere Wirkung, denn die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen oft am besten, wie den Notleidenden am wirksamsten geholfen werden kann, ohne sie in ihrer Würde zu verletzen. Oft haben Spenden an solche Institutionen sogar einen Doppelnutzen: Verschiedene Hilfswerke und Entwicklungsorganisationen legen nämlich grossen Wert darauf, dass bei ihren Projekten lokale Lieferanten und Handwerker berücksichtigt werden und damit zu Einnahmen kommen. Damit werden auch ökologisch bedenklich lange Transportwege auf ein Minimum reduziert.

Pensionen in Familienbesitz
In verschiedenen Regionen haben sich ausserdem Selbsthilfekollektive gebildet, die beispielsweise kunstgewerbliche Arbeiten an Reisende verkaufen. Die Adressen solcher Shops findet man in guten Reisehandbüchern. Wer Restaurants und Unterkünfte bevorzugt, die Einheimischen gehören, leistet ebenfalls einen Beitrag zur Einkommensverbesserung von Benachteiligten.
"Rund achtzig Prozent der Hotels gehören heute multinationalen Ketten," schätzt der Afrikakenner und Entwicklungsexperte Al Imfeld. Diese importieren nicht nur einen grossen Teil ihrer Nahrungsmittel und Verbrauchsmaterialien, auch die Einkünfte fliessen wieder in die Konzernzentralen im Ausland ab. Vom Tourismusgeschäft bleiben den Einheimischen im Extremfall nur die ökologischen Schäden.

Artikel von Adrian Zeller aus Globetrotter-Magazin Nr. 60 Sommer 2001

Weitere Informationen über sinnvolles Spenden findet man auf der Homepage: www.zewo.ch
Im Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung in Basel haben sich verschiedene Entwicklungs- und Umweltorganisationen sowie Hilfswerke zusammengeschlossen. Seit über zwanzig Jahre beschäftigen sie sich mit den ökologischen und soziokulturellen Auswirkungen der globalen Tourismusindustrie. Die Basler Experten halten eine ganze Reihe von Infounterlagen zum Thema Reisen mit Verantwortung bereit. www.akte.ch; Tel. 061 261 47 42
Weitere Informationen zur sozialen Situation von Kindern in den Reisegebieten sind abrufbar bei: www.terredeshommes.ch, www.tdh.ch Eine Übersicht über die verschiedenen Entwicklungs- und Hilfsorganisationen findet man unter www.spendenspiegel.ch