Reisen

Gedanken zum Thema Reisen

Einer, der auszog, von Märchen zu leben (the little man)

Er zog aus, in die weite Welt, um sich später nicht vorwerfen zu müssen, das Wagnis Abenteuer nicht eingegangen zu sein - Gary Odd, der "Gottseidank nie lebenslänglich gefasst hat, da in der Schweiz". Auf seinen Touren durch Underground, Wald und Wiesen ferner Länder begleitet ihn stehts Ulpi - Titelheld aller Comic-Strips, mit deren Verkauf sich der Lebenskünstler unterwegs sein Leben verdient.


Sieben Jahre zog Gary Odd durch die Welt. Hat sich mit dem Verkauf seiner Märchenbücher um den Titelhelden Ulpi über Wasser gehalten. Die Reiseroute selbst liest sich wie ein Märchen: Quer durch Europa, die Ostblockländer und über den Nordamerikanischen Kontinent führte sie den Abenteurer. Denn Gary Odd wollte nicht werden wie Ulpi, der mal sagte: "Die meisten Vorhaben scheitern an der Suche nach den Möglichkeiten, die man nicht hat." Gary Odd wollte seine Möglichkeiten wahrnehmen. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin wieder in Basel, wo sie inzwischen eine Wohnung haben. "Ein Provisorium", wie Gary Odd meint: "Ich ha zum Glück nid lebenslänglich gfasst do in dr Schwyz..."

Herumreisen hält zwangsläufig lebendig,
Seine Reise sieht er als Lehr- und Wanderjahre, denn das improvisierte Leben in einem ständig wechselnden Umfeld, das Weiterziehen und Verlassen eines Ortes, wo man sich wohl gefühlt habe, fordere einem unheimlich viel ab. Nur so aber könne man sich unbeschwert weiterentwickeln, sich eine neue Identität erfinden, dürfe immer wieder neue Seiten von sich selbst entdecken: "Auf die Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich stets zurückgreifen. Das Herumreisen hält die Instinkte wach, man bleibt lebendig, zwangsläufig..."
Solch einen breiten Horizont vermisst er in der Schweiz oft. "Den meisten hier gehts um die Wichtigkeit des Materiellen, und da verliert man schnell den Überblick, nimmt nicht mehr wahr, dass es noch andere Dinge im Leben gibt."
In der Schweiz gerate man rasch in Fahrwasser, wo man kaum mehr rauskomme: "Man sieht sein Leben plötzlich von Zwängen bestimmt, die man selbst nicht ändern kann. Irgendwann stellt man dann fest, dass man das Leben, das man eigentlich hätte führen wollen, verpasst hat. Man fühlt sich betrogen." Aber eigentlich, so Gary Odd, stünden uns hier ja alle Möglichkeiten offen. Es sei an jedem selbst, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, jeder könnt es sich leisten, mal für längere Zeit wegzufahren. "Doch dann kommt die Angst davor, was geschieht, wenn man zurückkommt. Man hat sich hier ja eine gewisse Komfort-Zone aufgebaut, die man nicht aufs Spiel setzen will. Am Ende wagen es nur wenige auszubrechen."

The possibility of the impossible makes the impossible possible - Die Möglichkeit der Unmöglichkeit macht die Unmöglichkeit zur Möglichkeit

Alle sitzen im gleichen Boot
Gary Odd aber hats gewagt: Schon 1990/91 besuchte er Bulgarien - eine Reisestation unter vielen: Das Land befindet sich in einer Depression, die Inflation übersteigt fünfhundert Prozent. Trotzdem: Die Bevölkerung kann zum ersten Mal wieder Weihnachten feiern. Gary Odd und seine Begleiterin versuchen vergeblich, an Lebensmittelmarken zu kommen, die Warteschlangen vor den Geschäften sind endlos, und nur die Ersten tragen etwas zu Essen nach Hause. Schliesslich erhält das Schweizer Paar über eine KünstlerInnenvereinigung ein Zimmer mit Atelier, direkt am Meer. Sie haben Anrecht auf sechs Eier im Monat - doch Eier sind keine vorhanden. So steht die Nahrungsbeschaffung stets im Vordergrund, nimmt sechs bis acht Stunden am Tag in Anspruch.

"Wenn du lachst, lacht die Welt mir dir. Wenn du weinst, weinst du alleine."

Die Eindrücke, die sie in wiederholten Aufenthalten in Bulgarien sammeln, sind gegensätzlich: Trotz der prekären konjunkturellen Lage herrscht unter der Bevölkerung gute Stimmung, denn schliesslich sitzen alle im gleichen Boot. Doch entwickeln sich schon bald Zustände, die an eine radikale Zwei-Klassen Gesellschaft erinnern: Während die einen schnell reich werden und in Armani-Anzügen und mit Mobiltelefonen bestückt ihren Reichtum demonstrieren, sind auch Zigeunerkinder Teil des Strassenbildes, die Leim sniffen und sich so langsam zugrunde richten.
Während Gary Odd seine Märchenbüchlein illustriert, kopiert und zu verkaufen versucht, geht Doris Peter ihren eigenen Projekten nach: Die ausgebildete Fotografin sammelt Material, das sie später ausstellen will und von dem ein kleiner Teil Eingang in das Buch "Einer, der auszog, von Märchen zu leben" finden wird. Es schafft einen Eindruck in den Lebensalltag der beiden. Da finden sich Zitate wie: "Wenn man weiss, was man will, muss man so viele Dinge tun, die man nicht tun will, um zu erreichen, was man will. Wenn man weiss, was man nicht will, bleibt nur noch übrig, was man will."

"Wenn heute mal nichts klappt, mach dich nicht verrückt. Geniess den Tag und morgen klappt es."

Auszug aus dem Artikel aus der Arbeitslosenzeitung der Schweiz Surprise 42, 2001 von Nico Markwalder / Simone Burgherr über Gary Odd, (Lebens-) Künstler und Weltenbummler.
Unterstrichene Textstellen von uns hervorgehoben.

Buchhinweise:
Norbert Winistörfer: "Ab ins Ausland"
Beobachter-Verlag, Fr. 36.80
Burkhard Riedel: "Lebe deinen Traum"
Knaur-Taschenbuch, Fr. 14.-
Fabian Wolff: "Erfolgreich zu neuen Ufern"
Ullstein Taschenbuch, Fr. 16.-